Der Mann; der aus der Kälte kam
von Fritz B. BuschGegen Erkältung und Grippe kann man so einiges tun. Man kann sich impfen lassen, Vitamineessen oder den Winter auf den Bahamas verleben. Ich hatte eine bessere Idee.
Dieser Winter war gewiß kein feiner Mann er schlug zu, wann und wo er konnte. Und doch gelang es mir, ihn bis zur Lächerlichkeit zu entschärfen: Ich fuhr den ganzen Winter hindurch offen. Deutlicher formuliert, ich ließ das Verdeck unten, die Seitenfenster im Koffer, und ich schaltete die Heizung nicht ein. Der Ort, in dem ich wohne, ist mein Zeuge, vom Bäcker über den Milchmann und den Zeitungshändler bis zu meinem Hausarzt. Die Grippe, die um mich herum grassierte, ließ mich ungeschoren. Die Idee zu dieser heute durchaus unüblichen Fahrweise kam mir, nachdem ich die Geschichte „Als wir die blaue Limousine kauften" geschrieben hatte. Darin entsann ich mich der offenen Zwei- und Viersitzer meines Vaters, in denen wir frohen Mutes durch den Thüringer Wald-Winter fuhren. Diese Autos hatten keine Heizung, und die Winter im Thüringer Wald waren streng, aber gerecht. . Sie lieferten hinreichend Schnee und Kälte, so, wie es sich gehörte. Wir fuhren, wie viele andere Leute auch, offen und froren nur gelinde. Ich glaubte am Ende meiner Geschichte selbst, daß mir die Erinnerung wohl einen Streich spielen müsse. Deshalb befragte ich meinen Vater, der nun schon fünfundsiebzig ist. Er Saß am Fenster, schaute den Meisen zu, die sein Futterhäuschen anflogen, und der erste Schnee, viel zu früh für die Jahreszeit, fiel dicht und zielstrebig vom Himmel. Mein Vater sagte: „So war`s, genau so war`s. Wir fuhren immer offen. Und es waren herrliche Winter. So schön weiß." Da ließ ich mir einen VW 181 kommen. Mit Sperrdifferential und Winterreifen mit Spikes. Ich wollte einen offenen Viersitzer haben, viertürig, hochbeinig, mit Allwetter-Verdeck und einsteckbaren Seitenscheiben. Und da gibt es nur ihn. Außerdem hat er die Kunstledersitze, die sich weder vor Schnee noch Regen fürchten. Und Nässe, die in ihn hineingelangt, wird von keinem Bodenteppich aufgesogen. Sie verläßt das Wageninnere rasch wieder durch sauber gebohrte Abflußlöcher. Und er hat eine steile, pottebene Windschutzscheibe mit einem aufgeschraubten Scheibenwischer-Motor, wie damals. Und eigentlich hat er gar keine Heizung. Wenn man die benzinelektrische Zusatzheizung vergißt, hat er keine. Weil der Motor seine Wärme ohne Umschweife auf die Straße fallen läßt. Außerdem kam die benzinelektrische Heizung meinem Vorhaben freudig entgegen - sie ging schon in der ersten Wochen kaputt. Jeden Morgen, auch, wenn es Stein und Bein fror, kletterte ich in meinen offenen Viersitzer und fuhr hinunter in den Ort, auch, wenn der Schneepflug noch nicht bis zu mir heraufgekommen war. Ich holte die Post, frische Brötchen und Zeitungen. Die Leute beobachteten mich mit schräg geneigten Kopf. Und nach einigen Tagen fragten sie, ob das Verdeck dieses Wagens oder aber meine Limousine kaputt seien. Und dann schüttelten sie sich, Sie froren noch mehr, wenn sie mich kommen sahen. Außerdem waren sie alle erkältet, und später traf sie noch die Grippe. Niemand glaubte mir, daß ich nicht fror. Meine Frau glaubt es mir noch heute nicht, weil sie immer, wenn sie mitfuhr, irgentwie vor sich hin fröstelte. Ich weiß gar nicht, wie sie das fertigbrachte. Es war wohl weiter nichts als Trotz. Ich trug weder Ohrenschützer noch einen Schal. Hinter der großen, steilen Windschutzscheibe zieht es überhaupt nicht. Ich bediente mich im übrigen der guten alten Wollsocken-Heizung: Warme Socken, gefütterte, halb-hohe Stiefel, Angora-Unterwäsche, warme Handschuhe, Rollkragen-Pullover (vollkommener Ersatz für jeden Schal!) und gefütterte Lederjacke. Jedesmal, wenn ich jemanden aus einer geheizten Limousine steigen sah, bemerkte ich auch, wie er sich schüttelte, in sich hineinkroch und ins nächste Haus floh, als wäre die Steuerfahndung hinter ihm her. Ich stieg aufrecht aus und schritt wohltemperiert von dannen, nicht im geringsten darauf erpicht, mich in irgentwelchen überheizten Räumen zu verbergen. Sie dürfen es mir glauben. Schon vor Jahren hatte ich in offenen, britischen Roadstern ähnliches empfunden, die ich auch über Weihnachten hin in ihrem paradiesischen und einzig wahren „Oben-ohne"-Zustand beließ. Aber, die versagten im Schnee. Und ich wohne außerordentlich schneereich. Außerdem habe ich eine nahezu abartige Schwäche für offene Viertürer – seit es keine mehr gibt auf dieser Welt. Und ich verehre wintertaugliche Fahrwerke – seit es kaum noch welche gibt. Auch meine Limousine hat deshalb schon seit Jahren ( als die Leute noch nicht davon sprachen ) ein Sperr-differential. Und die Vorgänger – Limousinen gleichen Fabrikates hatte auch schon eines. Weil meine Limousinen immer eine Anhängerkupplung haben, kann ich laufend andere Autos aus irgend was herausziehen. Autos, deren Besitzer Wert darauf legen, daß ihr Wagen ein sportliche Note hat. Autos, die gebaut werden, als wäre immer nur Sommer. Ausgerechnet in Deutschland.
*
Sie wissen, daß dieser VW, von dem die Rede ist, eine Blechstärke bis 1 mm hat, die eine hohe Karosserielebensdauer garantiert. Auf diesem Auto kann man überall mit Skistiefeln herumstehen, es kriegt nicht einmal die Andeutung einer Beule. Und die Stoßstangen sind wirklich welche. Mann kann sie beim Hausbau als U-Träger verwenden. Sie wissen sicher auch, daß dieser VW den 44 PS bei 4000 U/min leistenden 1,5 Liter Motor hat. Sein größter Vorzug den ganzen Winter über: Es gab keinen noch so frostklirenden Morgen, an dem er nicht auf die erste Schlüssel-Umdreung nahezu gierig ansprang. Und ausgerechnet dieser Motor hat noch eine Andrehkurbel ! Nebst seiner übereifrigen Startwilligkeit ist dieses längst und zu Unrecht vergessene Requisit aus besseren Autler – Zeiten eine so enorme Beruhigung, daß man in den Winternächten besser schläft, ja, den Blick aufs Thermometer draußen am Fenster förmlich genießt, bevor man in den Daunen kriecht. Der größte Nachteil dieses Motors: Er ist zu unelastisch. Stadtverkehr im dritten Gang ist kaum drin. Man muß den zweiten nehmen, und der ist laut. Neben dem Motorcharakter ( jubeln will er ) ist in diesem Falle auch noch die gesamte Übersetzung schuld. Der 181 soll Gelände meistern. Obenherum ist dann auch schon bei 115 km/h der Ofen aus. Aber das stört im praktischen Fahrbetrieb überhaupt nicht, weil Offenfahren in Viersitzern, wie jeder alte Hase weiß, ab 100 km/h ohnehin keinen rechten Spaß mehr macht. Den Bienenfleiß vom ersten und zweiten Gang genießt man so recht in ungeräumten Neuschnee und besonders am Berg. Das hochbeinige Fahrwerk ist, sofern sich der Käufer den Aufpreis für das Sperr-differential gönnt, erfreulich wintertauglich. Ich habe den hoch verschneiten Parkplatz vor meinem Haus, anstatt ihn mühsam freizuschaufeln, mit dem Kübelwagen planiert: Immer vor und zurückfahren, Spur an Spur, bis es aussieht, als hätte da ein halbes Dutzend Kampfpanzer geparkt. Das ist mit einer hängebauchigen Limousine völlig unmöglich. Erstaunlich niedrig war der Benzinverbrauch, der trotz der unerfreulichen Straßenverhältnisse 10 Liter nicht überstieg. Es mag daran liegen, das ich kaum je schneller als 80 fuhr. Dennoch war ich oft früher am Ziel als andere, die nach einem munteren Ritt irgendwo steckenblieben oder frühmorgens erst mit halbstündiger Verspätung vom Fleck kamen.
*
In einem offenen Viersitzer genießt man immer eine ausgezeichnete, ungehinderte Rundumsicht, weil es keine Scheiben gibt, die beschlagen oder zuschneien oder dichtfrieren können. Man muß nur, bevor man nach längerem Parken einsteigt, mit dem Fausthandschuh oder einem kleinen Handfeger ( der in einer der vier sehr geräumigen Tür-Ablagefächer Platz findet ) seinen Sitz vom Schnee freifegen. Und da wüßte ich etwas Feines, das die Wolfsburger ihrem Zivil-Kübel mitgeben sollten: Eine an- und abknöpfbare Abdeckplane für den Sitzraum! Sie sollte in ihrem vorderem Teil in der Mitte noch einen Reisverschluß haben, so, daß man nur den Fahrersitz freilegen und so fahren kann, dass die anderen Sitze überdeckt sind. Unter dieser Plane kann man auch seine Einkäufe und andere Sachen verstauen. Dann wäre der Wolfsburger Edel-Veteran noch gebrauchstüchtiger und erfreulicher. Für meinen Kübel werde ich mir eine solche Cockpit-Plane anfertigen lassen. Anhänger-Kupplung bekommt er auch. Denn mir scheint, ich werde ohne ihn kaum noch leben können. Es ist eines der ganz wenigen – Autos für Männer, die Pfeife rauchen -, die, nachdem die Roadster immer braver und zugeknöpfter wurden, sich noch finden lasen . Ach, bleiben Sie mir doch mit den Buggies vom Leibe. Wo ist denn da der praktische Gebrauchswert? Als ich einen bessern Herrn am Straßenrand meinen Kaufentschluß mitteilte, einem Bekannten, der erbärmlich fror, weil er zu Fuß ging, anstatt im offenen Wagen zu fahren, ließ er vor Schreck seinen sorgfältig eingezogenen Kopf aus dem hochgeschlagenen Mantelkragen herausfahren. Er starrte mich entgeistert an und rief:,, Da haben wir den Salat! B. Busch kauft sich einen VW! Was wird unter dieser Regierung wohl noch passieren?!" Er rief es in einer Tonart, dass es klang wie: ,,Brandt erkennt die DDR an!" Und er ließ seinen Mund so lange offen, bis ihm die Mandeln zu vereisen drohten. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und floh unter heftigen Schüttelbewegungen um die nächste Ecke. Wie schreckhaft die Leute doch geworden sind.... Nachsatz: Ahnte ich im voraus, dass ein Geländewagen-Boom, bevorstand? Wenn ja, dann hatte ich mich aber dennoch weit vorgewagt. Es sollten noch fast zwei Jahrzehnte vergehen, bis Hunderttausende von Autokäufern meinem Beispiel nacheiferten und sich in wintertaugliche Alleskönner setzten, ohne aber willens zu sein, den Schnee mit der flachen Hand vom Fahrersitz zu fegen. Es gibt ja kaum noch welchen...